Aus Alt wird Neu

Eßlinger Zeitung 12.10.2016

ESSLINGEN: Die Abbrucharbeiten am Silcherhof haben begonnen, doch vielen Bewohnern ist der Auszug nicht leicht gefallen

Die Abbrucharbeiten auf dem Silcherhof zwischen Hindenburg-, Silcher,- Bismarck- und Andreas-Hofer-Straße haben begonnen. Anstelle der bislang 52 Wohnungen sollen auf dem Areal künftig 124 Mietobjekte entstehen. Der Innenhof soll aber auch künftig eine Freifläche bleiben.

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Foto: Bulgrin

Von Melanie Braun

Ein großer Bagger frisst sich in das Gelände. Er reißt die letzten Pflanzen samt Wurzeln heraus und türmt Steinbrocken zu großen Haufen auf: Im Silcherhof laufen derzeit die letzten Vorbereitungen für den Abriss der in die Jahre gekommenen Häuser. Die Gebäude aus den 1920er und 1930er Jahren sollen durch moderne Neubauten ersetzt werden, die nicht nur energetisch auf dem neuesten Stand sein, sondern auch mehr als doppelt so viele Wohnungen beherbergen sollen als bisher – wenn auch kleinere.
Die Bewohner haben ihre Wohnungen schon längst verlassen: Spätestens zum 30. Juni mussten sie ausziehen. Nur ein Mann konnte sich offenbar nicht von den Räumen trennen, in denen seine Mutter jahrelang lebte: Noch Ende der vergangenen Woche mühte er sich redlich, Hab und Gut aus der Wohnung zu schaffen. So sehr war er damit beschäftigt, dass sein geradezu verzweifeltes Treiben auch Passanten auffiel. Sie komme auf dem Weg zur Arbeit stets an dem Gebäudeensemble zwischen Hindenburg-, Silcher-, Bismarck- und Andreas-Hofer-Straße vorbei, erzählt eine von ihnen. Und was sie vergangene Woche dort sah, rührte sie sehr.

Auszug als hartes Schicksal

Denn der schmächtige Herr habe mühselig sicher drei Kubikmeter Sachen auf dem Bürgersteig gestapelt und hätte allzu gern noch sein Klavier aus der Wohnung geholt, aber niemanden gehabt, der ihm dabei hätte helfen können, berichtet sie. Für sie ist das ein Zeichen für mangelnde Solidarität in der Gesellschaft – und dafür, dass eine Modernisierung wie die in der Hindenburgstraße für so manchen langjährigen Bewohner durchaus ein hartes Schicksal sei.
In der Tat habe der ein oder andere Bewohner eine Träne verdrücken müssen angesichts der Tatsache, dass er seine langjährige Wohnung verlassen musste, sagt Oliver Kulpanek, Vorstand der Baugenossenschaft Esslingen, der die Wohnungen gehören. Schließlich hätten auf dem Gelände durchaus einige ältere Menschen gelebt, die vor Jahrzehnten eingezogen waren und die großzügig geschnittenen Wohnungen geschätzt hätten. „Für viele war es bitter, auszuziehen“, sagt Kulpanek. Aber immerhin seien die Leute bereits im März 2015 über die Pläne informiert worden – und es habe keine Alternative zum Abriss gegeben: Dafür sei die Bausubstanz zu schlecht gewesen, zudem seien die Energiebilanz und der Lärmschutz der Häuser nicht zeitgemäß, sie hätten weder Balkone noch genügend Stellplätze und das Areal sei so strukturiert, dass unverhältnismäßig viel Fläche verloren gehe, die als Wohnraum genutzt werden könne.
Etwa die Hälfte der einstigen Bewohner des Silcherhofes seien in andere Wohnungen der Baugenossenschaft gezogen, berichtet Kulpanek. Manche hätten aufgrund ihres Alters den Auszug für einen radikalen Wechsel genutzt und seien ins Altenheim gezogen, wieder andere seien auf dem regulären Wohnungsmarkt fündig geworden.
Der Fall des Mannes, der bis vor wenigen Tagen noch die Wohnung seiner Mutter ausräumte, sei hingegen ein sehr spezieller. Man sei schon über Monate in engem Kontakt mit dem Herrn und habe schriftliche Vereinbarungen mit ihm zur Übergabe der Wohnung getroffen, die weit über das übliche Maß hinaus gegangen seien. Denn der Mann, der im Übrigen gar nicht selbst im Silcherhof gewohnt habe, habe wohl gesundheitliche Probleme, die in Richtung Messie-Syndrom gingen. Deshalb habe man ihn unterstützt, wo man konnte und die Frist zur Übergabe immer wieder nach hinten verschoben – aber nun müsse der Abriss dringend beginnen. Aus Sicherheitsgründen dürfe der Herr deshalb nicht mehr in die ehemalige Wohnung seiner Mutter. „Aber wenn wir dort noch ein Klavier finden, retten wir es auf jeden Fall“, versichert Oliver Kulpanek.

124 Wohnungen geplant

Nun aber sollen vor allem die Abbrucharbeiten vorangehen. Schließlich soll das Areal an der Hindenburgstraße nicht lange unbewohnt bleiben: Hier entstehen anstelle der bisher 52 Wohnungen auf insgesamt rund 4800 Quadratmetern Wohnfläche künftig 124 Wohneinheiten auf insgesamt rund 8700 Quadratmetern Wohnfläche. Allerdings werden die meisten Mietobjekte auch etwas kleiner ausfallen als bisher, statt bis dato durchschnittlich 90 sollen es nur noch rund 70 Quadratmeter pro Einheit sein. Damit will die Baugenossenschaft dem aktuellen Trend Rechnung tragen: Die demografische Entwicklung führe dazu, dass immer mehr Single-Wohnungen gefragt seien. Zudem habe man im Klarissenhof bereits einen Schwerpunkt auf größere Wohnungen gelegt. Im Übrigen seien die Anforderungen der Politik an den Neubau von Wohnungen inzwischen so hoch, dass aus Sicht der Baugenossenschaft nicht mehr der Quadratmeterpreis einer Wohnung relevant sei, sondern der absolute Preis.
Einen gewissen Luxus soll es aber auch künftig im Silcherhof geben: Der Innenhof soll – wie bisher auch – eine grüne Freifläche bleiben, zudem wird es künftig eine Tiefgarage unter den Gebäuden geben. Auch Balkone sollen die energieeffizienten Bauten bekommen, zudem wird es barrierefreie Exemplare geben. Insgesamt investiert die Baugenossenschaft laut Kulpanek etwa 25 bis 27 Millionen Euro, Ende 2018 sollen die neuen Wohnungen fertig sein.

Artikel vom 12.10.2016 © Eßlinger Zeitung

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