Bethlehem-Areal in Mettingen

Eßlinger Zeitung 25.11.2011

"Hübsch, aber unbezahlbar"

Das Quartier, das vor 100 Jahren an der Ruländer- und Ludwigstraße entstanden ist, gehört zu den reizvollsten Ensembles des Stadtteils. Aus diesem Grund wehren sich Bürgerausschuss und viele Mettinger gegen den drohenden Abbruch der Anlage, für deren Namen es keine schlüssige Erklärung gibt. Allerdings schwindet die Hoffnung, die Adresse erhalten zu können. So sagt Heike Dinkelaker: „Die wirtschaftlichen Zwänge der Baugenossenschaft sind auch uns klar. Ich fürchte, dass nicht mehr viel zu ändern ist.“ Die stellvertretende Vorsitzende des Bürgerausschusses, die sich als Sprecherin der Arbeitsgruppe Bauwesen intensiv mit der Zukunft des Karrees beschäftigt, will trotzdem am Ball bleiben. Sie wirbt dafür, wenigstens Teile der Gebäude in der Ludwigstaße zu erhalten. Sollte es zum Abbruch kommen, will sie ihn nur unter einer Bedingung akzeptieren: „Dann muss die Grundstruktur der Anlage mit dem Innenhof und den Bäumen aufgenommen werden.“
Oliver Kulpanek, Vorstandsmitglied der Baugenossenschaft, fasst bereits den Neuanfang ins Auge. Nachdem sich das Unternehmen von dem Standort trennen will, laufen erste Gespräche mit Investoren. „Keiner von ihnen ist bereit, das Ensemble zu erhalten“, teilt er mit. Vielmehr kristallisiert sich heraus, dass die Interessenten den Neubau eines Pflegestützpunkts verfolgen, den sie mit Seniorenwohnungen ergänzen wollen. Kulpanek versichert, dass die Baugenossenschaft großen Wert auf die Folgen für Mettingen legt und folglich auch bereit ist, das Vorgehen eng mit Bürgerausschuss und Stadt abzustimmen. „Wir wollen eine sinnvolle Nutzung, die zur Ortsmitte passt“, sagt er. Dazu gehört für ihn die feste Absicht, die alte Grundstruktur exakt zu übernehmen. Das bedeutet, dass der schöne Innenhof mit dem wertvollen Baumbestand nicht angetastet werden soll.

"Sanierung teurer als Neubau"

Die Baugenossenschaft bleibt zwar grundsätzlich offen für Investoren, die sich einen Erhalt der Gebäude auf die Fahnen schreiben. „Ich halte es aber für völlig unrealistisch, dass sich ein solcher Partner noch findet“, fügt das Vorstandsmitglied hinzu. Er stützt sich auf ein Gutachten des Architekten Dieter Raichle. der mit dem Auftrag an die Arbeit gegangen ist, das Quartier zu erhalten. Während Raichle in Stuttgart, München und anderen Städte solche Herausforderungen im sozialen Mietwohnungsbau problemlos bewältigt hat, musste er in Mettingen abwinken. „Eine Sanierung käme teurer als ein Neubau“, sagt er. Investitionen in Höhe von acht Millionen Euro würden zu Mietpreisen von zwölf Euro und mehr pro Quadratmeter führen. Zum Vergleich: Die Spitzenmieten der Baugenossenschaft liegen bisher bei 7,50 Euro. Gegen einen solchen Kraftakt spricht aus Raichles Sicht ein weiteres Argument: „Der riesige Aufwand würde nichts daran ändern, dass wir Wohnungen mit sehr unattraktiven Zuschnitten bekämen“. Auch die Probleme mit dem Schallschutz, die aus Holzböden resultieren, würden in diesem Fall fortbestehen.
Raichle ist über dieses Ergebnis nicht glücklich. Auch er teilt die Auffassung, dass es sich um qualitätsvolle Architektur handelt. Solche Vorzüge ändern allerdings nichts an den erheblichen Defiziten der Wohnungen. Nur mit großen Abstrichen lasse sich der Verzicht auf Heizungen, Bäder und Balkone nachträglich korrigieren. Das gelte auch für die Zimmergrößen der 73 Wohnungen. Am Grundproblem hätte nach seiner Überzeugung auch nichts geändert, wenn die Baugenossenschaft sich viel früher um die Anlage gekümmert hätte. „Früher oder später wäre die Entscheidung zu treffen gewesen, dass diese Anlage keine Zukunft hat“, so Raichle.

Artikel vom 25.11.2011 © Eßlinger Zeitung - Hermann Dorn

KOMMENTAR
"Unausweichlich"

Nur die reizvolle Fassade ist stehen geblieben, als ein Investor in München kürzlich eine alte Wohnanlage übernommen hat. Hinter der Kulisse sind völlig neue Wohnungen entstanden. Solche Anstrengungen haben ihren Preis. Mehr als 6000 Euro pro Quadratmeter blätterten die Käufer in der vornehmen Wohngegend für eines der begehrten Objekte hin. Eine ähnliche Rettungsaktion dürfte sich in der Mettinger Ortsmitte kaum wiederholen lassen. Der riesige Aufwand für eine so anspruchsvolle Erhaltung des äußeren Bilds wird sich direkt neben einer stark befahrenen Straße und dem Bahnhof für keinen Investor rechnen. Das Aus für das Bethlehem-Areal, das nach den vorliegenden Erkenntnissen unausweichlich sein dürfte, mag bedauerlich sein. Die Gegner eines Abbruchs kommen aber an den Argumenten der Baugenossenschaft und ihres Gutachters nicht vorbei. Auch für sie stellt sich die vorrangige Aufgabe, mit Augenmaß eine neue Entwicklung vorzubereiten. Die Nachricht, dass die Grundstruktur und vor allem der Innenhof erhalten werden, weist in die richtige Richtung. Wichtig bleibt aber, dass die Baugenossenschaft ihr Versprechen erfüllt und Stadt sowie Bürgerausschuss mit ins Boot nimmt. Oberstes Ziel muss eine qualitätsvolle Lösung für den Stadtteil sein. Dieser Herausforderung könnten die Beteiligten mit einem planerischen Wettbewerb am Besten gerecht werden.

Artikel vom 25.11.2011 © Eßlinger Zeitung - Hermann Dorn


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