BGE-Stiftung hilft Esslingerin nach Brand

Eßlinger Zeitung 28.08.2015

"Ich hatte noch nie solche Existenzangst"

ESSLINGEN: Bettina Fehrenbach stand nach dem Brand in der Pliensau vor dem Nichts - Nun kämpft sie sich zurück in ihr gewohntes Leben

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Nach dem Großbrand an der Ecke Pliensaustraße und Oberer Metzgerbach, der ihre Wohnung zerstörte, kehrt bei Bettina Fehrenbach langsam wieder Zuversicht ein. Foto: Bulgrin




Von Alexander Maier

„Ich hatte wahnsinniges Glück“, sagt Bettina Fehrenbach, wenn sie die vergangenen Wochen Revue passieren lässt. Ende Juni hatte ein Großbrand an der Ecke Pliensaustraße und Metzgerbach ihre Wohnung zerstört, die 52-jährige Esslingerin und ihre Zwillinge Hannah und Simon (16) standen vor den Trümmern ihrer Existenz. Manche hätten in dieser Situation die Hoffnung verloren, doch Bettina Fehrenbach und ihre Kinder ließen sich nicht unterkriegen. Freunde, Bekannte und wildfremde Menschen nahmen Anteil an ihrem Schicksal, viele boten Hilfe an. Und vor allem krempelten die drei die Ärmel hoch. Nun spüren sie, wie ihr kleines Glück zurückkehrt. „Bei allen schlimmen Erfahrungen gab es auch vieles, was uns Mut gemacht hat“, sagt Bettina Fehrenbach. Die Esslinger Stadtverwaltung und den OB hat sie damit jedoch nicht gemeint.

Plötzlich steht man vor dem Nichts

Wenn Bettina Fehrenbach an jenen schicksalhaften Mittwoch Ende Juni zurückdenkt, als vieles von dem, was sie sich aufgebaut hatte, in Flammen aufging, schüttelt sie ungläubig den Kopf: „Man denkt immer, dass das nur anderen passieren kann.“ Damals stand sie vor den brennenden Häusern am Athleteneck, schaute den Feuerwehrleuten beim Löschen zu und sah, wie vieles aus ihrem Hausrat aus den Fenstern geworfen werden musste, um den Flammen keine Nahrung zu bieten. Und langsam wurde ihr klar, was da geschehen war: „Man fühlt sich, als ob einem jemand den Boden unter den Füßen weggezogen hätte. Ich hatte noch nie solche Existenzangst. Das kann man sich nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat.“

Während die Feuerwehrleute damals noch die letzten Glutnester löschten, wusste Bettina Fehrenbach nicht, wie ihr geschah: „Alles kam mir so unwirklich vor. Manchmal dachte ich, dass alles ein böser Traum ist, aus dem ich irgendwann aufwache.“ Doch der böse Traum war nur zu real. Zumindest wussten Mutter und Kinder, wo sie in den ersten Nächten unterkommen würden und mussten nicht in die von der Stadt angebotene Notunterkunft ziehen. Und Bettina Fehrenbach steckte noch mitten in einer Weiterbildung, die sie trotz der schrecklichen Ereignisse unbedingt schaffen wollte, weil sonst alles Lernen umsonst gewesen wäre. Als die Weiterbildung zwei Tage später geschafft war, wurde ihr die ganze Tragweite bewusst: „Unzählige Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich wusste gar nicht, womit ich zuerst beginnen sollte. Und es gab niemanden, der mir sagen konnte, was zu tun ist.“

Doch die 52-Jährige war guten Mutes, dass man ihr im Rathaus weiterhelfen würde: „Ich hatte noch die Worte des Oberbürgermeisters im Ohr, der vor laufenden Fernsehkameras erklärt hatte, dass wir alle erdenkliche Hilfe bekommen.“ So klopfte sie beim städtischen Sozialamt an. „Der zuständige Mitarbeiter war sehr betroffen, als ich ihm alles erzählt habe. Aber einen richtigen Plan hatte er auch nicht, was alles zu tun ist. Viel später hat mir die Stadt mitgeteilt, dass es beim kommunalen Sozialdienst kompetente Leute gäbe, die alles wüssten. Vielleicht war ich ja an der falschen Stelle. Eine andere hat man mir nicht genannt.“

Dabei gab es so viel zu tun und zu klären, und Bettina Fehrenbach fühlte sich ziemlich alleingelassen: „Wir wussten nicht mal, wann wir wieder in die ausgebrannte Wohnung dürfen, um zu schauen, was noch zu retten ist. Da sind Leute durch unsere Zimmer gelaufen und haben alles begutachtet, und wir konnten nicht rein. Irgendwann haben wir Sachen von uns im Müllcontainer vor dem Haus gesehen. Ein Nachbar hat die teure Geige meines Sohnes aus dem Container gerettet. Und das Schlimmste war, dass irgendwelche Leute nachts Sachen von uns einfach mitgenommen haben, ohne zu fragen, ob wir die noch wollen.“

Des Oberbürgermeisters Worte noch im Ohr, ließ sich Bettina Fehrenbach einen Termin im Rathaus geben: „Ich wollte hören, was Herr Zieger am Abend des Feuers mit ‚aller erdenklichen Hilfe’ gemeint hatte.“ Doch als der OB drei Wochen nach dem Großbrand Zeit für sie fand, hatte sie den Eindruck, „dass er nicht viel mit mir anzufangen wusste. Und das Schlimmste war, dass alle dachten, die Stadt würde sich um alles kümmern.“ Selbst ihr Angebot, der Stadt bei der Zusammenstellung eines Leitfadens für Brandopfer zu helfen, die von ihren Erfahrungen profitieren können, sei dankend abgelehnt worden: „Das ist schade. Da könnte die Stadt mit geringem Aufwand viel für Menschen in ähnlicher Notlage tun. Und der Hinweis, man könne sich ja im Internet informieren, war auch nicht sehr hilfreich. Einfach hinsetzen und surfen ging ja auch nicht mehr - mein PC war schließlich auch verbrannt.“

Zeichen der Hoffnung in schwerer Zeit

Doch es gab auch viele positive Momente: „Die Berichte in der Eßlinger Zeitung haben viele Menschen auf unsere Situation aufmerksam gemacht. Immer wieder bekamen wir Hilfe angeboten.“ Die 52-Jährige hätte gerne zu allem ja gesagt, „doch wir konnten ja nicht einfach alles annehmen, weil wir nicht wussten, wo wir künftig wohnen. Und einfach alles wahllos zusammentragen - das wäre nicht gut gewesen. Wir hatten ja nicht mal einen Platz, um das, was wir noch hatten, unterzustellen.“ Schließlich halfen ihr Freunde, Struktur in die Sache zu bringen: „Sie haben mit mir einen Fahrplan erstellt, was zu erledigen ist, wo wir die nötigen Informationen finden und wer uns bei jedem einzelnen Problem helfen kann. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass wir das schaffen. Eigentlich müsste es bei der Stadt oder der Feuerwehr jemanden geben, der einen nach einem Brand bei der Hand nimmt und hilft, Klarheit zu schaffen. Allein schafft man das nicht.“

Es ist nicht das erste Mal, dass die 52-Jährige von vorn anfangen musste. Vor vielen Jahren kam sie aus der DDR hierher: „Da musste ich mir eine ganz neue Existenz aufbauen.“ Und vor nicht allzu langer Zeit dann die Trennung von ih¬rem Ehemann. „Meine Kinder und ich hatten gerade begonnen, uns in der neuen Wohnung einzuleben“, sagt sie wehmütig, weil dem kaum geschafften Neubeginn nun der nächste folgen muss.

Anfangs kam Bettina Fehrenbach bei einer Freundin, die Kinder kamen beim Vater unter. Dann durften die drei in die frühere Familienwohnung einziehen: „Mein Mann, mit dem ich in Scheidung lebe, ist früher ausgezogen, damit wir eine Bleibe haben.“ Doch die Wohnung war schon gekündigt, der Auszugstermin in Sicht. Bettina Fehrenbach fand durch einen Tipp aus dem Freundeskreis eine andere Wohnung, in die Mutter und Kinder nun eingezogen sind. Und auch die Esslinger Baugenossenschaft meldete sich. Deren Vorstandsvorsitzender Christian Brokate hatte von den Nöten der Familie gelesen und sofort Hilfe angeboten. „Wir hätten in eine Wohnung einziehen können, die gepasst hätte. Allerdings soll das Haus in einem Jahr abgerissen werden - dann hätte ich meinen Kindern den nächsten Umzug zumuten müssen.“ Doch das Engagement der Baugenossenschaft war für sie ein Segen: „Es war toll, wie viele Gedanken man sich dort um uns und um unsere Situation gemacht hat. Das war ganz konkre¬te Hilfe.“ Und aus seiner Stiftung hat das Unternehmen 2000 Euro überwiesen, damit die Fehrenbachs das Nötigste anschaffen können.

Kollegen halten den Rücken frei

Bettina Fehrenbach ist dankbar für all die Zeichen der Hilfsbereitschaft: „Das Wichtigste ist, zu spüren, dass man nicht allein ist.“ Und es gab viele, die für sie da waren: Die Freundin, bei der sie anfangs unterkam. Ihr Arbeitgeber und die Kollegen beim Verein für soziale Psychiatrie, die ihr den Rücken freihielten und spontan Spenden sammelten, um die erste Zeit zu überbrücken. Die Albertusgemeinde, die ihr 1000 Euro überwiesen hat. Der Kirchenchor, der mit einen Kuchenverkauf Geld gesammelt hat. Und die Wäscherei der Filderwerkstatt in Nellingen, die bereitwillig die nach dem Feuerqualm stinkenden Klamotten, die nicht verbrannt waren, gewaschen hat und nicht einen Cent dafür haben wollte. „Es war unglaublich, was diese Leute geleistet haben“, sagt Bettina Fehrenbach.

Und dann gab’s natürlich all die vielen Sach- und Geldspenden, mit denen nicht nur Freunde und Bekannte, sondern auch Menschen, die die Fehrenbachs noch nie zuvor gesehen hatten, geholfen haben. „Es gab rührende Momente“, erinnert sich die 52-Jährige. „Manchmal hatte ich Tränen in den Augen ob all der wunderschönen Gesten. So viele wollten uns beistehen und etwas für uns tun. Meine Tochter meinte neulich im Spaß, sie hätte das Gefühl, noch nie zuvor so viele Kleider besessen zu haben. Wenn man von einem Tag auf den nächsten vor dem Nichts steht, weiß man alles noch viel mehr zu schätzen.“ Selbst kleine Gesten taten gut: „In der Stadt traf ich eine Bekannte, die mich spontan zum Eiskaffee eingeladen hat, weil sie nicht wusste, was sie mir Gutes tun kann. Hinterher ging’s mir viel besser, weil ich zum ersten Mal seit dem Feuer das Gefühl hatte, dass wieder ein kleines bisschen Normalität in mein Leben zurückgekehrt ist.“

Der Großbrand vom 24. Juni und seine Folgen

Gegen 18 Uhr klingelten die Telefone am 24. Juni in den Einsatzzentralen von Feuerwehr und Polizei Sturm: Zeugen hatten einen lauten Knall und dann eine Stichflamme zwischen den jahrhundertealten Gebäuden Pliensaustraße 13 und Oberer Metzgerbach 1 bemerkt und sofort Alarm geschlagen. Ein Nachbar soll noch versucht haben, das Feuer mit einem Feuerlöscher unter Kontrolle zu bringen, doch er hatte keine Chance. Die Rettungskräfte waren rasch vor Ort und verhinderten ein Übergreifen der Flammen auf weitere Gebäude in der dicht bebauten Altstadt. Ein angrenzendes Wohn- und Geschäftshaus in der Pliensaustraße wurde jedoch wegen der starken Hitzeentwicklung stark in Mitleidenschaft gezogen. Menschen kamen zum Glück nicht zu Schaden. Eine Klimaanlage im Zwischenraum zwischen den Gebäuden Pliensaustraße 13 und Oberer Metzgerbach 1 hatte offenbar Feuer gefangen.

Mittlerweile zeichnet es sich ab, dass beide Gebäude wieder hergestellt werden. „Für das Haus Pliensaustaße 13, das als erhaltenswertes Gebäude eingestuft ist, liegt uns bereits ein Bauantrag vor“, erklärt Roland Böhm, der Leiter des städtischen Baurechtsamtes. Und für das Eckhaus Oberer Metzgerbach, das als Kulturdenkmal unter besonderem Schutz steht, laufen derzeit Gespräche. „Es geht noch um die Abstimmung zwischen Denkmalschutz und Baurecht“, weiß Böhm. Dass einer Wiederherstellung beider Gebäude aus baurechtlicher Sicht nichts im Wege steht, ist für den Amtsleiter klar: „Solche Gebäude zu erhalten, muss unser aller Anliegen sein.“

Artikel vom 28.08.2015 © Eßlinger Zeitung

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