Der Markt kann es nicht alleine richten

Eßlinger Zeitung 22.11.2014

ESSLINGEN: Experten diskutieren im Alten Rathaus über sozialen Wohnungsbau, hohe Mietpreise und neue Formen des Zusammenlebens

Es müssen mehr und vor allem preisgünstige Wohnungen gebaut werden – darin war sich die Expertenrunde am Donnerstagabend im Alten Rathaus einig. Udo Casper, Geschäftsführer des baden-württembergischen Mieterbundes, forderte mehr Zuschüsse vom Land. Christian Brokate, Vorstand der Baugenossenschaft Esslingen, beklagte hingegen die „Regulierungswut“, die den Bau verteuere und zwangsläufig zu höheren Mieten führe.

Von Sabine Försterling

„Viele ziehen in unsere wirtschaftlich erfolgreiche Region“, stellte die Esslinger Landtagsabgeordnete Andrea Lindlohr (Grüne) fest, die zu der Podiumsdiskussion im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Esslinger Dialog“ eingeladen hatte. Wohnraum sei daher knapp und das Preisniveau im bundesweiten Vergleich beachtlich hoch. Deshalb ging es auch um die Frage, wie der soziale Wohnungsbau vorangetrieben und weiterhin die Bevölkerungsvielfalt in den Stadtteilen bewahrt werden kann. Diese Pluralität ist nach den Worten des Soziologen Gerd Kuhn von der Universität Stuttgart nämlich bedroht.

Der Markt könne es nicht alleine richten, steht für Andrea Lindlohr fest. Die Politikerin verwies auf das Wohnraumförderprogramm des Landes. Dieses fällt laut Udo Casper, Geschäftsführer des baden-württembergischen Mieterbundes, aber viel zu bescheiden aus. Bayern nehme acht Mal so viel Geld in die Hand, um den sozialen Wohnungsbau zu fördern. Außerdem seien die Kommunen gefragt. Bei der Entwicklung der Weststadt in Esslingen habe man den Aspekt für eine gute soziale Durchmischung zu sorgen, schlichtweg nicht berücksichtigt. Dies bedauerte auch Carmen Tittel. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Gemeinderat setzt dennoch auf das beschlossene Wohnraumversorgungskonzept: Unter anderem sollen städtische Grundstücke künftig nur dann verkauft werden, wenn der Investor auf 20 Prozent der Fläche preisgünstige Wohnungen erstellt.

Kosten läppern sich

Neubaugebiete in Randlagen scheiden für Tittel allerdings aus: „Streuobstwiesen sind tabu.“ 2000 Wohnungen stehen der Kommunalpolitikerin zufolge in der Stadt leer. Da helfe ein Zweckentfremdungsverbot, sprich eine Strafe, wenn innerhalb eines bestimmten Zeitraums nicht vermietet wird, meinte Casper. Das werde nichts bringen, konterte Christian Brokate, Vorstand der Baugenossenschaft Esslingen. Für ihn ist die „Regulierungswut“ schuld daran, dass die Wohnungen immer teurer werden. Die neue Landesbauordnung schreibe jetzt zum Beispiel den Einbau von Rauchmeldern oder überdachten Fahrradplätzen vor. Das alles sei für sich gesehen sicher sinnvoll, aber die Kosten läpperten sich. Brokate wünschte sich deshalb, dass zum Beispiel die Anforderungen an energiesparendes Bauen zurückgeschraubt werden. Das würde den Markt entspannen, denn man brauche ja mehr Wohnungen.

Beim „Esslinger Dialog“ ist ein Stuhl in der Diskussionsrunde frei für spontane Beiträge aus dem Publikum. darauf nahm Hermann Falch, Vorsitzender von „Haus und Grund“ Esslingen, Platz und gab zu bedenken, dass jegliche Erhöhung der Grundsteuer zwangsläufig auch zu einer Erhöhung der Miete führe.

„Wie wollen wir wohnen?“ lautete die Überschrift der Veranstaltung. Es müssten neue Formen gefunden werden, sagte der Wohnsoziologe Kuhn. Über die Hälfte der Bevölkerung lebe alleine. Um dem Problem der Vereinsamung zu begegnen, hat die Baugenossenschaft auf dem Zollberg das Projekt „Mehrgenerationenwohnen“ mit einem Café, in dem inzwischen regelmäßig gemeinsam gekocht wird, verwirklicht. Der Nachbarschaft komme immer größere Bedeutung zu, sagte Brokate. Die „Grünen Höfe“ in der Pliensauvorstadt sind mit den Baugemeinschaften für Tittel auch ein wegweisendes Modell für die Zukunft. Gerd Kuhn empfahl aber auch, die Ansprüche an Wohnfläche und Ausstattung zurückzufahren. Nicht jede Wohnung müsse von Anfang an barrierefrei sein, sondern es genüge, wenn man im Bedarfsfall mit wenigen Mitteln umrüsten könne. Und auch ein Autostellplatz sei nicht immer nötig.


Artikel vom 22.11.2014 © Eßlinger Zeitung

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