Für Familien und Senioren unbezahlbar?

Eßlinger Zeitung 16.03.2012

Für Familien und Senioren unbezahlbar?
ESSLINGEN: Baugenossenschaft will Mieten für ihr Mehrgenerationenwohnen auf dem Zollberg erhöhen

"Schöne Wohnlage mit Aussicht, 41 größtenteils barrierefreie Mietwohnungen in vier Neubauten, Aufzüge, dazu Gemeinschaftsräume und eine Sozial-kraft, die das Miteinander auf den rechten Weg bringen soll: Das mittlerweile zwei Jahre alte Mehrgenerationenprojekt der Baugenossenschaft Esslingen (BGE) auf dem Zollberg ist nicht nur attraktiv und innovativ, sondern hat auch seinen Preis. Den will die BGE zum 1. April noch weiter erhöhen - was für Unruhe unter den Mietern sorgt."


Von Claudia Bitzer

Horst und Maria Brinkmann (Namen geändert) und ihre drei kleinen Kinder wohnen seit Juli 2010 in der Neuffenstraße - auf 117 Quadratmetern, für die sie bislang 1038,40 Euro kalt und eine Nebenkostenvorauszahlung von 354 Euro monatlich überweisen. „Ab April sollen die Mieten um etwa zehn Prozent steigen und dem Mietspiegel 2012 angepasst werden. Das sind für uns rund 100 Euro pro Monat mehr - und für einige andere Familien auch. Aber auch für die Senioren sind die Mieterhöhungen nicht unerheblich und sorgen auch zwischen den Parteien für Unruhe, da diese unterschiedlich hoch ausgefallen sind“, berichtet Maria Brinkmann.

"Traurig für Projekt und Kinder"

Statt 8,89 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter sollen die Brinkmanns künftig 9,98 Euro bezahlen. Dass die Erhöhung nicht jenseits des Mietspiegels liegt, haben sie überprüft. Doch denken sie und offenbar noch andere Familien jetzt über einen Auszug nach, weil sie die Miete nicht mehr tragen können und wollen. „Wir wohnen gerade mal rund eineinhalb Jahre hier und müssen nun die Kontakte und Bindungen, die hier langsam entstehen, schon wieder abbrechen. Das ist traurig für das Projekt und vor allem auch für unsere Kinder.“ Zudem befürchten sie, dass der ohnehin schon überschaubare Anteil an Familien - derzeit leben laut BGE-Angaben in den 41 Wohnungen acht Familien mit elf Kindern - noch weiter zurückgehen könnte. Ihr Fazit: „Insgesamt ist es schon eine traurige Angelegenheit, wenn ein solches ,Vorzeigeprojekt‘ für die eigentliche Zielgruppe Senioren und Familien nicht finanzierbar ist und noch mehr als bisher Doppelverdiener ohne Gemeinschaftsinteresse einziehen.“
Begräbt die Baugenossenschaft damit ihr gerade einmal zwei Jahre altes Projekt, das sie für knapp zehn Millionen Euro auf dem Areal der ehe-maligen Jugendherberge realisiert hat? „Nein, es lebt und hat auch Zukunft“, widerspricht BGE-Vorstand Christian Brokate mit Vehemenz. „Aber bei den vier Häusern handelt es sich um hochwertige Neubauten in attraktiver Lage, dazu noch begleitet durch eine soziale Fachkraft. Wir können die Mieter dort nicht anders behandeln als die Nutzer unserer anderen rund 3000 Wohnungen in der Stadt.“
Schließlich komme der gesamte Wohnungsbestand der Baugenossenschaft in Sachen Mietpreise alle zwei Jahre auf den Prüfstand. Brokate: „Das heißt aber noch nicht, dass auch alle zwei Jahre erhöht wird." Wenn eine Wohnung innerhalb der letzten 15 Monate neu bezogen wurde oder kein Spielraum mehr nach oben ist, passiert - zumindest vorerst - nichts.

"Im Premium-Segment"

Tatsache ist jedoch, das die BGE ihre Mieten in den vergangenen drei Jahren kräftig erhöht hat. „Die Baugenossenschaft wollte viele Jahre lang das preiswerteste Wohnungsunternehmen sein, hat aber über Jahre hinweg höhere Kosten als Einnahmen verbucht“, begründet Brokate den massiven Zugriff. „Wir gehen jetzt an die ortsübliche Vergleichsmiete heran."
Wobei das Mehrgenerationenwohnen klar zum Premium-Segment des BGE-Bestands gehört, der in ganz Esslingen eine Mieten-Bandbreite von knapp drei bis 10,60 Euro pro Quadratmeter und Monat abdeckt.
Je nach Wohnungsgröße, Ausstattung und Einzugsdatum zahlt man im Mehrgenerationenprojekt in der Neuffenstraße jedenfalls künftig bis zu 10,44 Euro. Im Schnitt steigt die monatliche Miete dort laut BGEAngaben von 8,51 auf 9,06 Euro pro Quadratmeter, was einer Erhöhung um etwa sechseinhalb Prozent entspricht. Immerhin sind sieben von 41 Mietern mit der Höchstmarge von plus zehn Prozent dabei.

Brokate: „Das Projekt war nie als sozialer Wohnungsbau gedacht.“ Dennoch habe die BGE von Anfang an auf eine ausgewogene Bewohnerstruktur geachtet und die Wohnungen teilweise leer stehen lassen, bis sie geeignete Mieter fand. „Im Einzelfall tun die Mieterhöhungen sicher weh.“ Man habe den Betroffenen angeboten, nach Lösungen zu suchen. Doch individualisierte Mietpreise könne es nicht geben. Komme es doch zu Umzügen, sei er zuversichtlich, wieder geeignete Nachmieter zu finden.

"DEM PROJEKT NICHT ZUTRÄGLICH, ABER AUCH NICHT UNVERHÄLTNISMÄSSIG“

Die Baugenossenschaft Esslingen (BGE) hat ihr Mehrgenerationenprojekt auf dem Zollberg bislang sehr verantwortungsbewusst auf den Weg gebracht. Das bestätigt auch die Planungs- und Projektgruppe aus dem Stadtteil Zollberg und der Stadtverwaltung, die das innovative Wohnvorhaben von Anfang an mit geplant und begleitet hat.
„Das Projekt ist zu 100 Prozent frei finanziert von der Baugenossenschaft, die auch noch
Gemeinschaftsräume für ihre Mieter zur Verfügung stellt. Die Stadt bezuschusst lediglich die halbe Stelle für die Fachkraft mit 40 Prozent, um das Mehrgenerationenwohnen mit dem Stadtteil zu verzahnen“, sagt etwa Peter Zürn, der Vorsitzende des Bürgerausschusses Zollberg. Die anstehenden Mieterhöhungen seien für das Mehrgenerationen-projekt zwar „nicht zuträglich, aber auch nicht unverhältnismäßig“. Die BGE müsse ihr Vorgehen ja auch vor ihren anderen Mitgliedern rechtfertigen, verweist er auf die Vielschichtigkeit der Thematik.Zwar hatte die BGE das 6000 Quadratmeter große Jugendherbergsareal 2006 nicht nur aufgrund ihres Gebots von gut zwei Millionen Euro, sondern auch ausdrücklich wegen ihres Konzepts erhalten. Doch sagt Franz Schneider vom Stadtplanungsamt: „Es gibt sachliche und fachliche Aspekte, die dafür sprechen, dass die angestrebte Mieterstruktur eingehalten wird. Aber wir haben keinen rechtlichen Anspruch darauf.“
„Es ist bei innovativen Wohnmodellen leider immer noch eine Kunst, Konzeption und Wirtschaftlichkeit auszutarieren. Die meisten sind nicht öffentlich gefördert, oft sind sie sogar nur im Eigentums-bereich möglich“, verweist Renate Schaumburg vom Amt für Sozialwesen auf vergleichbare Objekte andernorts. Sie hofft, dass sich die Baugenossen-schaft noch einmal mit den Mietern an einen Tisch setzt. „Gerade jetzt, wo sich so etwas wie eine Hausgemeinschaft entwickelt hat, wäre es nicht förderlich, wenn die Menschen auszögen.“ biz

Artikel vom 16.03.2012 © Eßlinger Zeitung


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