Kein Platz für kinderreiche Familien

Eßlinger Zeitung 14.06.2014

KREIS ESSLINGEN: Wer mehr als zwei Kinder hat, tut sich auf dem Wohnungsmarkt besonders schwer - Große Wohnungen sind rar und teuer

Von Kornelius Fritz

2006 ist Evmorfia Santoro mit ihrem Mann und ihrem Sohn in eine 70 Quadratmeter große Drei-Zimmer-Wohnung in der Pliensauvorstadt gezogen. Acht Jahre später wohnt die Familie noch immer dort - allerdings nicht mehr zu dritt, sondern zu siebt. Denn inzwischen wurden vier weitere Kinder geboren, das jüngste ist gerade fünf Monate alt. Seit Jahren ist die Familie auf der Suche nach einer größeren Wohnung - bis jetzt ohne Erfolg. Der Vater verdient als Gebäudereiniger keine Reichtümer, mit Wohngeld könnte die Familie maximal 1000 Euro Warmmiete aufbringen. Eine Fünf- oder Sechs-Zimmer-Wohnung ist dafür in Esslingen aber nicht zu bekommen.

„Auf dem privaten Wohnungsmarkt haben solche Familien überhaupt keine Chance“, weiß Renate Kiesling, die bei der Erziehungshilfestelle Esslingen regelmäßig kinderreiche Familien betreut. Und das Angebot an Sozialwohnungen ist so gering, dass Familien oft viele Jahre warten müssen, bis sie zum Zug kommen. Bis auf weiteres muss die Familie Santoro deshalb noch enger zusammenrücken: Die vier älteren Kinder schlafen alle zusammen in einem Zimmer mit zehn Quadratmetern. „Meine Kinder würden auch gerne mal Freunde nach Hause einladen, aber das geht nicht, weil es hier viel zu eng ist“, sagt die Mutter.

Doch selbst Familien mit gut gefülltem Geldbeutel tun sich auf dem Esslinger Wohnungsmarkt schwer. Ralf Kober (Name geändert) ist Vater von vier Kindern und Führungskraft in einem mittelständischen Unternehmen. Für eine große Wohnung mit Garten in Esslingen wäre er bereit gewesen, bis zu 1500 Euro Warmmiete hinzulegen - gefunden haben die Kobers trotzdem nichts. „Auf unsere Suchanzeige haben wir kein einziges Angebot bekommen“, erzählt der Ingenieur. Zwei Jahre suchte die Familie, die - damals noch zu fünft - in dreieinhalb Zimmern lebte, vergeblich nach einer größeren Wohnung. „Es gibt quasi nichts, und wenn, dann ist es unheimlich schnell weg“, sagt Ralf Kober.

Geringe Fluktuation

Patrick Rosenberger, Leiter der Immobilienabteilung bei der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen, kann das bestätigen: „Das Angebot an großen Wohnungen für Familien ist in der Region extrem überschaubar“. Auch die großen Wohnungsunternehmen haben nicht viel anzubieten: Von den 3000 Mietwohnungen der Esslinger Wohnungsbau GmbH sind nach Angaben von Geschäftsführer Hagen Schröter nur neun Prozent größer als 90 Quadratmeter. Unter den knapp 3000 Wohnungen im Bestand der Esslinger Baugenossenschaft finden sich lediglich 90 Vier-Zimmer-Wohnungen, die Zahl der Fünf-Zimmer-Wohnungen beziffert Vorstandsmitglied Christian Brokate auf „unter zehn“.

Und es kommen auch nicht viele Familien-Wohnungen hinzu: „Bei Neubauprojekten sind vier Zimmer in der Regel das Maximale“, weiß Patrick Rosenberger. Auch die EWB versucht in neuen Häusern, vier Zimmer auf 90 Quadratmetern unterzubringen. Angesichts der hohen Grundstückspreise und der enorm gestiegenen Baukosten - auch aufgrund hoher energetischer Anforderungen - wären die Mieten sonst so hoch, dass sich die Wohnungen kaum noch vermarkten ließen, erklärt Hagen Schröter. Die Baugenossenschaft hat bei ihrem aktuellen Neubauprojekt am Klarissenhof immerhin sechs Fünf-Zimmer-Wohnungen vorgesehen. Mit Kaltmieten zwischen 1150 und 1720 Euro sind die für eine Durchschnittsfamilie allerdings kaum erschwinglich.

Verschärft wird das Problem dadurch, dass die Fluktuation bei den großen Wohnungen besonders gering ist. In vielen leben gar keine Familien, sondern zum Beispiel ältere Paare, deren Kinder längst aus dem Haus sind, oder sogar Alleinstehende. Abgesehen davon, dass viele von ihnen ihre gewohnte Umgebung nicht verlassen möchten, sei ein Umzug in eine kleinere Wohnung auch finanziell oft wenig attraktiv, sagt Christian Brokate: „Da die Mieten bei Neuvermietungen zuletzt deutlich stärker gestiegen sind als im Bestand, sparen sie bei einem Umzug in eine kleinere Wohnung unter Umständen gar nicht viel.“

Es wird wenig gebaut

Ein Umzug komme für die meisten nur dann infrage, wenn man ihnen in unmittelbarer Nähe etwas Besseres anbieten könne, weiß Hagen Schröter. Auf dem Zollberg ist das gelungen: Dort sind vor zwei Jahren etliche ältere Menschen aus der Nachbarschaft in die neuen seniorengerechten Wohnungen der EWB am Zollernplatz umgezogen und haben damit größere Wohnungen für Familien frei gemacht. Davon hat unter anderem eine Familie mit sechs Kindern profitiert, die acht Jahre lang vergeblich eine größere Wohnung gesucht hatte. Um weiteren Großfamilien zu einer angemessenen Wohnung zu verhelfen, versuche man, wo es möglich ist, auch immer wieder zwei kleinere Wohnungen zu einer großen zusammenlegen, berichtet Hagen Schröter. Letztlich sind das aber Einzelfälle, die am Grundproblem nichts ändern.

Familien, die eine Immobilie kaufen wollen, haben in Esslingen und Umgebung ebenfalls schlechte Karten. „Im Vergleich zu anderen Städten ist die Bautätigkeit hier viel geringer“, sagt Patrick Rosenberger von der Kreissparkasse. Das geringe Angebot treibt die Preise: Für ein neues Einfamilienhaus in Esslingen muss man laut Immobilienspiegel der Kreissparkasse derzeit zwischen 550 000 und 1,5 Millionen Euro berappen, für ein gebrauchtes auch noch zwischen 350 000 und 1,2 Millionen. Und es mangelt offenbar nicht an Menschen, die diese Preise auch bezahlen (können): „Viele Immobilien könnten wir mehrfach verkaufen“, sagt Rosenberger.

Für Familie Kober hatte der Suchmarathon ein Happyend: Nach zwei Jahren vergeblicher Suche nach einer Mietwohnung haben sie sich entschieden, ein Haus zu kaufen. Dass sie am Ende sogar in ihrem bevorzugten Stadtteil im Esslinger Norden fündig wurden, sei reines Glück gewesen, weiß Ralf Kober: „Das war für uns wie ein Lottogewinn“, sagt er, „allerdings einer, für den wir eine Menge bezahlen mussten.“

Artikel vom 14.06.2014 © Eßlinger Zeitung

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