Mehrgenerationenwohnen auf dem Prüfstand

Eßlinger Zeitung 20.06.2013

ESSLINGEN: Das Wohnprojekt auf dem Zollberg ist gut - aber teuer

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Garanten für den Erfolg: der Sozialpädagoge Werner Rienesl und der große Gemeinschaftsraum - hier in der Anfangsphase des Projekts. Archivfoto: Bulgrin




2013 06 20 BILD_MGW Herr Seybold
Emil Seybold an der Tafel mit Veranstaltungshinweisen fürs Mehrgenerationenwohnen auf dem Zollberg. Er gehört zu einer Gruppe von besonders regen Mietern, die sich das Miteinander auf die Fahne geschrieben haben. Foto: Bulgrin

Vor dreieinhalb Jahren sind die ersten Mieter in die 41 Wohnungen des Mehrgenerationenprojekts der Baugenossenschaft Esslingen auf dem Zollberg eingezogen. Jetzt haben Stadt und Baugenossenschaft Esslingen (BGE) eine erste Zwischenbilanz gezogen. Die fällt zwar sehr erfreulich aus. Doch wird die Baugenossenschaft aus betriebswirtschaftlichen Gründen nach Ablauf der Projektphase in eineinhalb Jahren Abstriche im Personaleinsatz und voraussichtlich auch an den Gemeinschaftsflächen vornehmen.
Von Claudia Bitzer

Als die Baugenossenschaft seinerzeit den Zuschlag für das Gelände der ehemaligen Jugendherberge in der Neuffenstraße erhielt, hatte sie sich im Vorfeld verpflichtet, dort ein Angebot für das Miteinander der Generationen zu schaffen. Bürgerausschuss und Förderverein Zollberg hatten sich dafür stark gemacht, dass das Areal in schönster Wohnlage nicht automatisch an den zahlungskräftigsten Bieter gehen sollte, sondern einen Mehrwert für den Stadtteil bringen sollte.

Fachkraft und Gemeinschaftsraum

Die Baugenossenschaft, Vertreter aus dem Stadtteil und der Stadtverwaltung hatten dann ein Konzept inklusive Zahlen für eine ausgewogene Bewohnerstruktur zusammengestellt. Die BGE schuf eine 40-Prozent-Stelle, mit der eine soziale Fachkraft in gleichen Teilen das Miteinander der Mieter ankurbeln und das Projekt mit dem Stadtteil verzahnen sollte. Bei ihrer Finanzierung macht man derzeit noch halbe-halbe: Die Kosten für die hausinterne Hälfte übernimmt die Baugenossenschaft, die Kosten für die gemeinwesenorientierte Arbeit finanziert die Stadt. Die Baugenossenschaft brachte zudem einen 160 Quadratmeter großen, teilbaren Gemeinschaftsraum plus Büro ins nachbarschaftliche Miteinander ein, der auch von Gruppen und Initiativen aus dem Stadtteil genutzt werden kann. Und den die Stadt bisher mit jährlich gut 9000 Euro mit finanziert.

Der Erfolg hat allen Beteiligten recht gegeben: Fachkraft Werner Rienesl hat das Miteinander in Schwung gebracht. Die Bewohnerstruktur entspricht in etwa den Vorgaben, wenngleich mittlerweile deutlich mehr junge Familien als geplant eingezogen sind. Das Miteinander wird aber vor allem von einer Gruppe älterer Mieter getragen, die sich besonders engagieren.

In der qualitativen Bewertung des Projekts, die der zuständige Gemeinderatsausschuss für Bildung, Erziehung und Soziales (ABES) gestern zur Kenntnis nahm, waren denn auch alle Beteiligten voll des Lobs. Bei der betriebswirtschaftlichen Bewertung sieht die Baugenossenschaft allerdings Anpassungsbedarf, wenn das Mehrgenerationenwohnen in eineinhalb Jahren in den Regelbetrieb geht. Zumal man nach wie vor den Anspruch habe, das Modell so oder so ähnlich auch auf andere Gebiete mit einer hohen genossenschaftlichen Wohnungsdichte anzubieten, so Vorstand Christian Brokate. Man könne die Kosten für die Gemeinschaftsräume und die Sozialkraft aber nicht einfach auf die Mieter in der Neuffenstraße umlegen. Bei einer Kaltmiete von zehn Euro pro Quadratmeter im BGE-Premiumsegment Neuffenstraße könne man den Mietern nicht noch 60 Euro monatlich mehr aufdrücken. Gleichzeitig sei man aber auch den anderen BG-Mietern in der ganzen Stadt verpflichtet. „Wir müssen deshalb unser professionelles Engagement reduzieren. Das ist möglich, weil sich in der Neuffenstraße ja schon selbstständige Strukturen gebildet haben. Aber ganz ohne fachliche Unterstützung geht es nicht.“ Die Baugenossenschaft wolle mit Ablauf der Projektphase zum September 2014 nur noch eine 10-, statt wie bislang eine 20-Prozent-Stelle fürs Mehrgenerationenwohnen zur Verfügung stellen. Da es Werner Rienesl auch bereits gelungen sei, das Projekt im Stadtteil zu verankern, will sich die Stadt bereits zum 31. August dieses Jahres aus ihrem Finanzierungsanteil (jährlich knapp 11 000 Euro) zurückziehen und die Gemeinwesenarbeit für den Zollberg in eigener Regie managen.

Tauziehen um 160 Quadratmeter

Die Baugenossenschaft trägt sich zudem mit dem Gedanken, die Gemeinschaftsfläche zu verkleinern und aus den 160 Quadratmetern noch eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung zu schneidern. Zumal demnächst auf Initiative der drei großen Wohnungsunternehmen auf dem Zollberg ein Wohncaféfür die Menschen im Stadtteil am zentralen Zollernplatz eingerichtet wird. Weshalb die Stadt ihrerseits plant, mit Projektende auch ihre Zuschüsse für die Gemeinschaftsflächen in der Neuffenstraße auslaufen zu lassen. Damit will sich die SPD jedoch nicht abfinden - zumal der Bürgerausschuss massiv gegen eine Verkleinerung des teilbaren Gemeinschaftsraums argumentiert. Peter Zürn: „Da stecken auch Gelder von Spendern und Sponsoren drin.“ Bürgermeister Markus Raab riet den Fraktionen, anderweitige Wünsche in Haushaltsanträge zu gießen, warnte jedoch: „Wenn Sie in diesem Fall nach Projektende weiter finanzieren, müssen Sie auch in den anderen Stadtteilen einsteigen.“

Artikel vom 20.06.2013 © Eßlinger Zeitung



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